SEOUL Magazine | vol.122 | Die Bedeutung der Verstellung: Die Gemälde der Künstlerin Kim Hyun Jung greifen einen zentralen Aspekt der koreanischen Kultur auf
Das englischsprachige Monatsmagazin SEOUL Magazine veröffentlichte ein Interview mit Kim Hyun Jung, deren Serie „Naesoong (Feign)“ für Gesprächsstoff sorgt. Die Künstlerin, die sich selbst als Modell nimmt, erläutert, wie sie dazu kam, das Naesoong – die allgemeinmenschliche Neigung, sich dem Blick und den Vorstellungen anderer anzupassen – durch den Kontrast zwischen Hanbok und alltäglichen Motiven auszudrücken. Sie spricht zudem über die Reaktionen auf ihre Ausstellungen im Ausland, unter anderem in Deutschland und Hongkong, sowie über ihre Pläne, sich auf die Installationskunst auszuweiten. [Text von Ben Jackson, Fotografie von RAUM Studio]
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Interview
DIE BEDEUTUNG DER VERSTELLUNG
Die Gemälde der Künstlerin Kim Hyun Jung greifen einen zentralen Aspekt der koreanischen Kultur auf
Text von Ben Jackson
Fotografie von RAUM Studio
Was ist es an Kim Hyun Jungs Serie Feign, das die Koreaner so zum Reden bringt? Dem unbedarften Betrachter erscheint sie als eine Serie von Aquarellen, die junge Frauen (oder eine einzige junge Frau?) in allerlei Alltagsszenen des heutigen Korea zeigen: Sie sinniert über eine große Schuhsammlung, isst Instantnudeln, die auf einem tragbaren Gaskocher gekocht wurden, fährt Inlineskates, führt einen sichtlich verwöhnten Hund an der Leine oder ist auf der Toilette sitzend in Handynachrichten vertieft. Vielleicht liegt es daran, dass die Frauen allesamt mit scheinbarer Unstimmigkeit in Hanbok gekleidet sind, dem traditionellen koreanischen Gewand, das gewöhnlich festlichen Anlässen vorbehalten ist. Oder daran, dass die Hanbok halbtransparent sind und Ausblicke auf geschwungene Oberschenkel, runde Pobacken und gelegentlich eine Brust gewähren. Oder ist es das Thema, das sich durch die Werke zieht, ein Phänomen, das im Koreanischen Naesoong (내숭) heißt – ein Substantiv – und das Kim mit dem Verb „feign“ (vortäuschen) übersetzt? Was auch immer es ist: Diese Masterstudentin der Seoul National University hat bereits erreicht, wofür viele ihrer Künstlerkolleginnen und -kollegen weit länger brauchen: Sie hat Wellen geschlagen, die über die Grenzen der Kunstwelt hinausreichen.
Den Schein wahren
Naesoong ist eines jener Wörter, die eine bestimmte Verhaltensweise in der koreanischen Gesellschaft treffend auf den Punkt bringen, aber keine direkte englische Entsprechung haben. „Ich habe darüber nachgedacht, wie man Naesoong ins Englische übersetzen kann“, sagt Kim. „Es gibt verschiedene verwandte Ausdrücke wie ‚coy‘ (zimperlich), ‚prudishness‘ (Prüderie) oder ‚pretending to be innocent‘ (Unschuld vortäuschen). In meinen Werken bezeichnet Naesoong jedes Verhalten, bei dem man nach außen einen anderen Anschein erweckt, als man im Kopf hat, um den Erwartungen und herkömmlichen Urteilen anderer zu entsprechen. Deshalb habe ich das englische Wort ‚feign‘ gewählt, um das Konzept des Naesoong auszudrücken. Ich glaube nicht, dass es ein spezifisch koreanisches Phänomen ist; vielmehr lässt es sich überall beobachten, wo Menschen zusammenleben. Ich denke, es beginnt mit dem Wunsch, von anderen anerkannt zu werden – das ist eine fast instinktive Eigenschaft des Menschen als soziales Wesen. Natürlich ist es selbstverständlich, dass das Naesoong in meinen Werken eine besondere koreanische Färbung hat, denn ich bin Koreanerin und verwende koreanische Motive und Techniken.“
Betrachter, die Kim nicht kennen, bemerken vielleicht nicht, dass die Frau, die in jedem Bild der Serie Feign erscheint, in Wirklichkeit die Künstlerin selbst ist. Ursprünglich habe sie nicht beabsichtigt, eine Serie von Selbstporträts zu schaffen, sagt sie, doch es stellte sich heraus, dass sie das am leichtesten verfügbare Modell war. „Mir kam der Gedanke, dass ich mit ebenso vielen Vorurteilen lebe wie alle anderen und dass diese in gewisser Weise instinktiv und universell sind“, sagt sie. „Von da an begann ich, Selbstporträts zu malen, die auf meinen eigenen Gedanken, meinem Alltag und meinen Erfahrungen beruhen.“
Aber beschränkt sich das Naesoong nur auf die Hälfte der Bevölkerung? Nicht unbedingt. „In letzter Zeit haben mich viele Leute gebeten, das Naesoong auf Seiten der Männer zu behandeln“, sagt Kim. „Ich denke darüber nach, aber ich traue mir nicht zu, es darzustellen, weil ich das Leben als Mann nie erfahren habe. Aber es ist etwas, das ich gern versuchen würde, wenn ich etwas älter bin und einen weiteren Horizont habe.“
Die Bedeutung des „Hanbok“
Wie das Naesoong wird auch der Hanbok (die traditionelle koreanische Kleidung) weit mehr mit Frauen als mit Männern in Verbindung gebracht, mit Ausnahme der Bräutigame beim traditionellen Teil koreanischer Hochzeiten. Während der Hanbok zuweilen als Quelle erotischer Symbolik gedient hat, setzt Kim ihn in ihren Werken wegen der zeitgenössischen Konnotationen ein, die er angenommen hat. „Heute werden Hanbok im Allgemeinen zu Zeremonien getragen und gelten als Symbole von Würde und Kultiviertheit. Meine Bilder zeigen diese Symbole von Würde und Stand, getragen bei alltäglichen Tätigkeiten: Sie sind ein zentrales Motiv, um solche Kontraste darzustellen.“
Unterschiedliche Reaktionen
Wie sollen die Betrachter also die Werke von Kims Serie Feign deuten? Ist es ihr gelungen, dem Zorn der für ihre Strenge berüchtigten koreanischen Online-Kritiker zu entgehen? Nicht ganz, so scheint es. „Die Reaktionen der Netizens waren wirklich sehr unterschiedlich“, sagt sie. „Während manche die Werke gelobt und als schön bezeichnet haben, haben andere sie scharf kritisiert. Kommentare, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind, waren jene, die behaupteten, mein Werk OOps [das eine junge Frau im Hanbok zeigt, die auf dem Boden hockt und auf einem tragbaren Kocher gekochte Instantnudeln isst, während sie eine Louis-Vuitton-Handtasche und einen Einweg-Kaffeebecher von Starbucks neben sich auf dem Boden betrachtet] verspotte die Frauen von heute. Ich räume ein, dass man es so interpretieren kann, aber tatsächlich hatte ich kaum die Absicht, ‚die Neigung junger Frauen zu extravagantem Konsum‘ zu einem gesellschaftlichen Thema zu machen und zu satirisieren. Das Interesse an schönen Schuhen, teuren Taschen und Markenkaffee bezieht sich auf mich selbst; ich halte es für eine Erscheinungsform des Naesoong, die aus dem Bewusstsein für die Meinungen und Urteile anderer erwächst. Wenn man sich alle meine Werke ansieht, wird man feststellen, dass nur wenige davon Luxusartikel enthalten. Betrachtet man meine kritische Selbsteinschätzung aus einer weiteren Perspektive, lässt sie sich natürlich vielleicht zur Satire verallgemeinern. Da die Werke nun nicht mehr in meiner Hand liegen und der Öffentlichkeit gehören, überlasse ich es ganz den Betrachtern, sie zu würdigen, zu genießen und zu beurteilen.“
Internationale Deutungen
Kim hat ihre Werke auch in Deutschland und Hongkong ausgestellt, wo die Unvertrautheit mit der koreanischen Kultur noch einmal andere Reaktionen hervorrief. „In Deutschland musste ich den Leuten erklären, was Hanbok, Papier und Tusche und Naesoong sind; so wenig vertraut waren ihnen die koreanische Kultur und Malerei. Doch zu sehen, wie sie trotz dieser Unvertrautheit Interesse an meinen Werken zeigten und Freude daran hatten, gab mir einen Eindruck davon, wie koreanische Malerei den Rest der Welt berühren könnte. Ich möchte mein Konzept des Naesoong zu etwas mit universellerer Resonanz weiterentwickeln und später eine Einzelausstellung im Ausland veranstalten.“
Derzeit genießt Kim die Freiheit, zu studieren und zugleich Werke zu schaffen und Ausstellungen zu geben, und plant, das Naesoong künftig in einem neuen Medium auszudrücken: der Installationskunst. „Wenn ich es unmittelbar sichtbar und greifbar mache, können die Betrachter, glaube ich, das Wesen des Naesoong näher und intuitiver erfassen.“ Wenn es nach ihr geht, könnten wir bald Installationen ihrer Werke an Orten wie den Eingängen von Kaufhäusern, Bibliothekstoiletten und Tierarztpraxen finden. Da sie schon am Beginn ihrer Karriere ein gewisses Maß an Erfolg erzielt hat, hat Kim offenkundig noch viel zu bieten.
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SEOUL Magazine, September 2013, Ausgabe Nr. 122, S. 36–37