Koreanische Malerin Kim Hyun Jung ARTIST Hyunjung KIM

Jinri Headline | Porträts von Korea der koreanischen Malerin Kim Hyun Jung: Innere Schönheit – Jugend ist keine Frage des Alters, sondern der Richtung

Kategorie Zeitungen und Online-Artikel Veröffentlicht am 2026.03.18

Dieser Text stammt von der Künstlerin Kim Hyun Jung selbst und stellt ihr Gemälde <Naesoong: Wo ist dein Regenbogen?> vor. Anhand der „Naesoong-Frau“, die im Hanbok auf einer großen Harley-Davidson sitzt, spricht sie über die Sehnsucht der mittleren Generation, die lange aufgeschobene Träume ihrer Jugend nachträglich verfolgt, und über die generationsübergreifende Frage nach der Richtung des Lebens. Am Ende des Artikels wird auch der Werdegang der Künstlerin Kim Hyun Jung vorgestellt.

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Werkerklärung: persönliche Ansicht, nur zur Orientierung

An der Kreuzung auf dem Weg zur Arbeit begegne ich oft jenen wuchtigen Motorrädern. Helm, Lederjacke, das tiefe, satte Dröhnen des Auspuffs – all das lässt einen unwillkürlich an das Bild eines jungen Mannes denken. Doch wenn der Blick tatsächlich auf den Fahrer fällt, sitzt darauf meist ein Mann Ende fünfzig, Anfang sechzig.

Warum suchen Menschen gerade dann, wenn sie nicht mehr jung sind, ein Fortbewegungsmittel, das schwerfällig, gefährlich, ja fast unzeitgemäß wirkt? Vielleicht, weil sie in jungen Jahren weder die Zeit noch das Geld hatten, ihren Traum wirklich in die Hand zu nehmen – und erst heute endlich die Möglichkeit haben, jene Sehnsucht wieder aufzugreifen, die die Realität immer wieder aufgeschoben hat. Statistiken zufolge sind es gerade Menschen um die fünfzig, die am häufigsten großvolumige Motorräder mit tiefem Auspuffklang, vor allem Harley-Davidsons, kaufen. Es ist, als würden einst zur Seite gelegte Träume in der Garage der Fünfzig- und Sechzigjährigen endlich, wenn auch spät, ernsthaft wieder anspringen.

Wir neigen dazu, „Träume“ für ein Privileg der Jugend zu halten, und kaum jemand fragt einen Menschen kurz vor der Pensionierung ernsthaft: Was möchtest du noch tun? Welche Wünsche hast du noch? Doch in einer Zeit, in der das „hundertjährige Leben“ zunehmend Realität wird, werden Menschen um die sechzig durch die zweite Hälfte ihres Lebens oft erneut zum Nachdenken gezwungen: Wovon soll ich die nächsten vierzig Jahre leben? Und wohin soll ich gehen?

Genau von dieser Frage ausgehend habe ich <Naesoong: Wo ist dein Regenbogen?> gemalt. Ich wollte eine äußerlich gesittete, im Hanbok gekleidete „Naesoong-Frau“ in die Mitte der Welt stellen und sie unter ihrer sanften, zurückhaltenden Fassade zu einem „erwachsenen Kind“ werden lassen, das das Dröhnen des Motors genießt und sich nach Geschwindigkeit und Freiheit sehnt.

In der Bildmitte sitzt eine Frau in einer roten kurzen Jacke rittlings auf einem riesigen Motorrad. Jenes Rot, das an die Braut einer traditionellen Hochzeit erinnert, dominiert fast das gesamte Bild wie eine Flamme, die heiß und ungestüm lodert. Unter ihr liegt der kühl-metallisch glänzende schwarze Motorradkörper – schwer, massiv und von einer Kraft, die sich nicht ignorieren lässt. Die grauen Töne des halbtransparenten Rocksaums und das Beige der Ledertasche breiten sich dazwischen langsam aus und treiben den Kontrast zwischen der statischen traditionellen Kleidung und der geschwindigkeitsgeladenen Mechanik-Zivilisation auf die Spitze. Die Welt des Hanbok, die eigentlich für Stille, Zurückhaltung, Etikette und Ordnung steht, steht nun fest auf einem dröhnenden Motor – als würde sie schwanken, und zugleich, als würde sie erwachen.

Der große, leer gelassene weiße Hintergrund des Bildes ist dabei kein bloß „leerer“ Raum. Wandert der Blick des Betrachters sacht zum Rückspiegel des Motorrads, entdeckt er darin eine funkelnde Nachtszene voller Lichter. Die für die ostasiatische Malerei typische Leere endet nicht auf dem Papier, sondern dehnt sich über diesen kleinen Spiegel hinaus bis in die nächtliche Stadtlandschaft aus. Die in dieses schmale Rechteck gepressten Gebäude, Scheinwerfer und Straßen deuten auf jene lärmende, niemals ruhende moderne Metropole jenseits des Bildes hin. So wird das scheinbar stille weiße Papier allmählich von der Vorstellungskraft des Betrachters gefüllt; der Lärm, das Licht und die Geschwindigkeit der modernen Stadt fließen leise durch dieses kleine „Fenster im Spiegel“ in das Bild hinein.

Der Gesichtsausdruck der Frau trägt, wie der Titel schon sagt, eine Spur von „Naesoong“. Sie wendet den Kopf leicht zur Seite, als würde sie beiläufig einen Blick nach hinten werfen – in diesem Blick liegen zugleich Schüchternheit, ein Abtasten, eine gewisse Herausforderung und ein Hauch von Anspannung, als fürchte sie, durchschaut zu werden. Doch ausgerechnet an ihrem Motorrad hängt ein Nummernschild mit der Aufschrift „SHY GIRL“. Während sie sich selbst als „schüchternes Mädchen“ bezeichnet, sitzt sie ohne zu zögern rittlings auf einer lauten, dominanten, zutiefst männlich konnotierten großen Maschine. Genau in diesem Kontrast liegt die eigentliche Kraft des Werks. Mit einem Hauch Humor und einem Hauch Ironie durchbricht es sanft jene vertraute koreanische Haltung: nach außen gesittet und zurückhaltend, im Inneren jedoch stets von einer kühnen, grenzüberschreitenden Sehnsucht durchzogen.

Die Harley-Davidson ist hier nicht bloß ein Fortbewegungsmittel. Sie ist eine Marke, die weltweit als „Lovemark“ gilt, ein fast emotional besetztes Objekt in den Herzen vieler Menschen. Für nicht wenige Menschen mittleren Alters ist sie zugleich Symbol der Jugend und lange unerfüllte romantische Vorstellung. In jungen Jahren drücken Studiengebühren, Miete, Bildungskosten für die Kinder und Haushaltsausgaben Schicht um Schicht – und das, was „nur für einen selbst“ war, wird stets zuerst aufgegeben, verschoben, still weggelegt. Jene Wünsche, die lange von Identität, Verantwortung und Realität niedergehalten wurden, erheben sich gerade im Alter kurz vor der Pensionierung wieder und lassen erneut ihren Motor aufheulen. Diesen verspäteten Ruf möchte ich mit einem „Regenbogen“ vergleichen. Ein Regenbogen erscheint stets nur kurz nach dem Regen, hell, aber nicht wirklich greifbar; er zeigt sich für einen Augenblick und verschwindet dann leise wieder. Als Kinder haben wir fast alle einmal einem Regenbogen nachgejagt, in der Annahme, wir könnten ihn erreichen, wenn wir nur schnell genug liefen. Doch als Erwachsene begraben wir diesen Regenbogen meist unter den Wolken der Realität und tun so, als bräuchten wir ihn längst nicht mehr. Erst an einem bestimmten Wendepunkt des Lebens taucht er plötzlich wieder auf, wie ein leiser Ruf aus weiter Ferne, der uns daran erinnert: Auch du hattest einmal eine Richtung, der du entgegenstreben wolltest.

Die koreanische Gesellschaft scheint sowohl an junge als auch an Menschen mittleren Alters widersprüchliche Forderungen zu stellen. Einerseits sagt sie zu Teenagern und Menschen in den Zwanzigern: „Du musst Träume haben.“ Andererseits drängt sie unablässig: „Du musst die Realität erkennen.“ Berufseinstieg, Lebenslauf, Immobilienkauf, eine sichere Anstellung, vernünftige Entscheidungen, ein respektabler Weg – sobald ein Mensch beginnt, all dies zu kalkulieren, zieht sich der sogenannte „Regenbogen“ Stück für Stück zurück, bis er am Ende nur noch wie eine in die Ecke des Lebenslaufs gekritzelte Notiz wirkt, kaum der Rede wert. In einer Zeit, in der schon das bloße Reden über Träume ein Luxus zu sein scheint, haben wir viel zu früh gelernt, erwachsen zu sein, und viel zu früh die Fähigkeit verloren, eigensinnig zu sein.

Zur gleichen Zeit nähert sich unbemerkt auch die Generation unserer Eltern der Pensionsgrenze. Erst wenn sie kurz davor stehen, ihre Visitenkarte abzugeben, ihre Position zu verlassen und eine lange gespielte gesellschaftliche Rolle zu beenden, bekommen sie endlich die Gelegenheit, sich erneut selbst zu fragen: Wer bin ich eigentlich, jenseits von Firma, Titel und der Identität als „Elternteil von jemandem“? Was habe ich früher gemocht? Wonach habe ich mich wirklich gesehnt? Was habe ich viel zu lange zurückgelassen? Angesichts dieser verspäteten Selbstbefragung habe ich versucht, eine im Hanbok gekleidete, aber auf einem schweren Motorrad sitzende „SHY GIRL“ über den Rücken zu legen, mit dem Menschen mittleren Alters auf ihr eigenes Leben zurückblicken.

Der Titel <Naesoong: Wo ist dein Regenbogen?> ist selbst eine direkte Frage an den Betrachter. Ein jugendlicher Betrachter, der vor diesem Bild steht, wird vielleicht zuerst von dem riesigen Motorrad gefesselt, noch bevor er den Gesichtsausdruck der Frau liest. In ihm mag ein ganz unmittelbares Kribbeln aufkommen: Ich möchte auch einmal fahren, ich möchte auch einmal so losbrausen. Ein Betrachter Ende fünfzig, Anfang sechzig wird vielleicht nicht zuerst die englische Aufschrift auf dem Nummernschild bemerken, sondern in ihrer leicht unbeholfenen, sich umwendenden Haltung eine fremde und zugleich vertraute Erschütterung spüren. Es könnte jener Übermut sein, der vor vielen Jahren tief im Herzen verborgen lag, ein längst vom Alltag abgeschliffener Impuls, das Gefühl von Geschwindigkeit, das der Körper einst auf einer geraden Landstraße in der Jugend wirklich gespürt hat. Dieses Bild will also keine Generationen voneinander trennen, sondern versucht, die Unruhe verschiedener Generationen in ein und demselben Bild zusammenzuführen. Junge Menschen, die sich über ihre Zukunft im Unklaren sind, und Menschen mittleren Alters, die ebenso ratlos auf den Rest ihres Lebens blicken, werden am Ende zur gleichen Frage zurückgeführt: Wohin gehe ich jetzt eigentlich? Und wofür renne ich überhaupt?

Was ich mit diesem Werk sagen möchte, ist: Die Sorge um Träume gehört niemals nur den Teenagern und Menschen in den Zwanzigern. Wir, die wir im Zeitalter des hundertjährigen Lebens leben, haben auch mit dreißig, fünfzig oder sogar siebzig Jahren noch das Recht, uns unablässig zu fragen: Wohin will ich wirklich? Und den Menschen, die bereits die Lebensmitte erreicht haben, möchte ich sanft sagen: Vielleicht kommt dein Regenbogen nicht zu spät – vielleicht zeigt er gerade jetzt endlich seine wahre Farbe. So wie ein Regenbogen erst aufsteigt, wenn der Regen aufgehört hat, gibt es auch im Leben Wege, die man erst klar erkennt, nachdem man den Sturm überstanden hat. Selbst wenn dieser Regenbogen in den Augen anderer nur ein kindisches Spielzeug ist; selbst wenn jenes Dröhnen des Auspuffs für Außenstehende nur eine verspätete Laune ist – solange es dein Herz wieder heftig schlagen lässt, solange es dir in einem Moment klar das Gefühl gibt „ich will weiter vorwärtsgehen“, dann ist der Weg, den du in diesem Moment beschreitest, dein ganz eigener Regenbogen.

Die koreanische Malerin Kim Hyun Jung (Quelle: Kim Hyun Jung Art Center)

Die koreanische Malerin Kim Hyun Jung schloss die Sunhwa Arts Middle School und Arts High School ab und vertiefte ihre Ausbildung an der Fakultät für Ostasiatische Malerei der Seoul National University, wo sie auch das Doktorandenprogramm der Graduiertenschule abschloss. Bekannt wurde sie durch ihre Naesoong-Serie, die die koreanischen Alltagssitten des 21. Jahrhunderts darstellt; mit einem Pinselstrich, der Humor und Ironie zugleich in sich trägt, fängt sie einfühlsam die Struktur des Alltagslebens und die emotionalen Schichten heutiger Koreaner ein und reagiert fortlaufend aus der Perspektive eines „Porträts von Korea“ auf gesellschaftliche Realität und Zeitgeist. Sie trat einst als „Chignon-Schwester“ in der EBS-Sendung „Haeyo Hwa Haeyo“ (phonetische Umschrift) auf und ist zugleich Werbebotschafterin der Stadt Seoul sowie der Brücke der Hoffnung. In den letzten Jahren steht sie zudem über soziale Medien mit rund 300.000 Followern in stetigem Austausch und erweitert durch fortlaufende In- und Auslandsausstellungen kontinuierlich die Ausdrucksgrenzen und Verbreitungsmöglichkeiten der koreanischen Malerei im zeitgenössischen Kontext.