„Naesoong“ zielt auf die internationale Kunstwelt
Dies ist das Interview „‚FEIGN‘ Series Shoots Audacious Artist to Fame“ aus dem Herbstheft 2017 (Korean Culture & Arts, S. 42-47) der von der Korea Foundation herausgegebenen englischsprachigen Vierteljahresschrift Koreana. Es porträtiert die Künstlerin Kim Hyun Jung, die mit ihrer „Naesoong“-Serie – Frauen im Hanbok inmitten des modernen Alltags – bekannt wurde, und behandelt ihr Doppelstudium der ostasiatischen Malerei und Betriebswirtschaftslehre an der Seoul National University, ihre auf Kommunikation mit dem Publikum ausgerichtete Kunstauffassung sowie ihre Ambitionen, sich auf dem internationalen Kunstmarkt zu etablieren. Text: Chung Jae-suk (Leitartikel-Redakteurin und leitende Kulturreporterin, The JoongAng Ilbo), Fotos: Ahn Hong-beom.
Volltext anzeigen
INTERVIEW
Die Serie „Naesoong“
verhilft einer kühnen Künstlerin zum Durchbruch
Die junge Künstlerin Kim Hyun Jung ist für ihre Kühnheit bekannt, die oft als „feurig und provokant“ beschrieben wird. Die 29-jährige „Arttainerin“ liebt es, das Publikum mit ihren unkonventionellen Gemälden zu unterhalten, von denen sie hofft, dass sie dazu beitragen werden, die internationale Präsenz der koreanischen Kunst zu erweitern.
Chung Jae-suk
Leitartikel-Redakteurin und leitende Kulturreporterin, The JoongAng Ilbo
Fotos: Ahn Hong-beom
[„Naesoong: Sweet Whispers (feat. Limit Excess).“ 2016, Tusche mit leichter Kolorierung und Collage auf Maulbeerbaumpapier, 120 × 176 cm.]
[Bildunterschrift: Kim Hyun Jung, gekleidet in ein Hanbok, bei der Arbeit an einem Gemälde in ihrem Atelier in Nonhyeon-dong, Seoul. Wie die Frauen in ihren Bildern trägt auch sie gerne traditionelle Kleidung.]
Auf dem Schild eines kleinen Gebäudes an der Nonhyeon-Straße im Herzen von Gangnam im Süden Seouls steht „Kim Hyun Jung Art Creative Center“. So nennt die Künstlerin Kim Hyun Jung ihr Atelier. Es erstreckt sich über zwei Stockwerke des Gebäudes, einschließlich Büroräumen für ihre rund zehn Mitarbeiter, und ließe sich am ehesten mit einem Kunst-Start-up vergleichen.
Kim ist bekannt für ihre Gemälde von Frauen im Hanbok, die sie in ein modernes Umfeld versetzt – ein Motiv, das sie sich sogar als Marke hat eintragen lassen. Sie erhielt 2015 den Korea Creative Innovation Award in der Kategorie Kunst und wurde in die Forbes-Liste „30 Under 30 Asia 2017: The Arts“ aufgenommen. Da die Anfragen für Vorträge stetig zunehmen, musste sie inzwischen eine Assistentin einstellen, die ihren Terminkalender verwaltet.
Für das Interview trägt die Künstlerin ein prachtvolles Hanbok und wirkt, als sei sie direkt einem der Gemälde ihrer „Naesoong“-Serie entstiegen.
„Das Hanbok ist zu meinem Markenzeichen geworden. Tatsächlich erkennen mich manche Leute nicht, wenn ich keines trage. Ich besitze etwa 30 Sets und kombiniere Oberteile und Röcke mit Hilfe einer Stylistin auf unterschiedliche Weise. Je öfter ich Hanbok trage, desto mehr schätze ich seine anmutige, glanzvolle Schönheit“, sagte sie.
Elegant und doch gewagt
Die Doppelbödigkeit der menschlichen Natur ist das Thema, das sich durch Kims gesamtes Werk zieht. Die „Naesoong-Frauen“ in ihren Gemälden zeigen eine auffällige Diskrepanz zwischen ihrer Kleidung und ihrem Verhalten. Elegant im traditionellen koreanischen Kleid, liefert die eine auf einem Motorrad McDonald's-Burger aus; eine andere sitzt mit hochgekrempeltem, voluminösem Rock auf dem Boden und isst Pizza oder schlingt Instantnudeln hinunter. Der durchscheinende Rock offenbart die Silhouette des Körpers, während die knisternde Textur des Stoffes durch Collage wiedergegeben wird. Das Nebeneinander von traditioneller koreanischer Tracht und modernem Stadtleben wirkt widersprüchlich und entfaltet zugleich eine eigenwillige Ausgelassenheit, die das Publikum in den Bann der schönen jungen Frauen in den Bildern zieht.
„Ich ließ mich von der eleganten und rätselhaften Erscheinung des Hanbok inspirieren“, sagte Kim. „Ich dachte mir: Was wäre, wenn ich Frauen male, die in formeller traditioneller Kleidung stecken, sich aber in einem ganz alltäglichen, beiläufigen Umfeld befinden? Von der Norm abzuweichen und sich vom Urteil anderer zu befreien – all das wird durch das Konzept des ‚Naesoong‘ gefiltert.“
Ihre Strategie scheint aufzugehen: Ihre Einzelausstellungen ziehen Zehntausende Besucher an. Da sie eine Kunst schaffen möchte, die mit dem Publikum in Verbindung tritt, nutzt diese kluge junge Künstlerin aktiv die sozialen Medien und hat sich dort eine beachtliche Fangemeinde von über 110.000 Followern aufgebaut.
Doppelstudium mit Betriebswirtschaftslehre
Kim erhielt ihren ersten Kunstunterricht im Alter von acht Jahren. „Ich mache schon mein ganzes Leben lang Kunst, deshalb gibt es nichts, was ich nicht zeichnen kann“, erklärte sie selbstbewusst. Dennoch war sie nicht frei von Sorgen, als sie eine Kunst-Mittelschule besuchte. Als sie beschloss, die Kunst ernsthaft zu verfolgen, ließ sie der Satz „Künstler sind arm“ zögern. Doch sie ließ sich nicht davon abhalten und war fest entschlossen, dieses Klischee zu widerlegen. Wie schrecklich wäre es, wenn junge, ambitionierte Künstler nichts anderes zu erwarten hätten als die ständige Sorge, wie sie über die Runden kommen sollen.
Kim studierte an der Seoul National University im Doppelstudium ostasiatische Malerei und Betriebswirtschaftslehre. Sie beschäftigte sich eingehend mit den Feinheiten des Kunstmarkts sowie mit den Biografien bekannter Künstler, die finanziellen Erfolg erzielt haben. Um als Künstlerin zu überleben, verfolgt sie ehrgeizige Projekte – etwa die Entwicklung einer breiten Palette von Produkten mit ihren Motiven sowie kooperative Marketingpartnerschaften mit mehreren Unternehmen.
„Mich interessiert die Kommerzialisierung und Popularisierung von Kunst. Kunst muss nicht elitär sein“, sagte sie. „Was mich in letzter Zeit am meisten beschäftigt, sind die Grenzen des koreanischen Kunstmarkts und die Schwierigkeiten, mit denen junge Künstler konfrontiert sind. Ich versuche, mit dem Publikum in Kontakt zu treten, um Wege zu finden, Kunst zugänglicher zu machen. Ich habe sogar als Kunsthändlerin gearbeitet. Meine Philosophie im Kunstmanagement ist die Verbindung mit der Öffentlichkeit. Indem ich Werke schaffe, die jeder genießen und schätzen kann, möchte ich dazu beitragen, Kunst populärer zu machen.“
Koreanische Sittenmalerei des 21. Jahrhunderts
Kim möchte mit unkonventionellen Techniken das Vorurteil widerlegen, die traditionelle koreanische Malerei sei alt und verstaubt. Während sie an traditionellen Techniken mit Hanji-Papier und heller Tuschlavierung festhält, verbindet sie diese zugleich kühn mit modernen Elementen. So greift sie beispielsweise für ihre „Naesoong-Frauen“-Bilder auf die Handlung westlicher Märchen wie „Aschenputtel“ zurück. Auch hat sie ihre „Naesoong“-Serie auf fotografische Arbeiten ausgeweitet. In manchen ihrer Gemälde platziert sie eine moderne Frau inmitten eines Meisterwerks aus der Joseon-Zeit des 18. Jahrhunderts.
„Kim Hong-do, der Meister der Sittenmalerei der Joseon-Dynastie, und Shin Yun-bok, ebenfalls aus der Joseon-Zeit, dessen gewagte Sittenbilder ihrer Zeit weit voraus waren, haben mein Werk maßgeblich beeinflusst“, sagte Kim. „Die Unverblümtheit und der Humor in ihren Bildern, die kühne Komposition und die geniale Pinselführung waren für mich eine große Inspirationsquelle. In ihre Fußstapfen zu treten und koreanische Sittenbilder des 21. Jahrhunderts zu schaffen, ist mein Traum.“
[Zitat: „Kunst muss nicht elitär sein. Was mich in letzter Zeit am meisten beschäftigt, sind die Grenzen des koreanischen Kunstmarkts und die Schwierigkeiten, mit denen junge Künstler konfrontiert sind. Ich versuche, mit dem Publikum in Kontakt zu treten, um Wege zu finden, Kunst zugänglicher zu machen.“]
Kim arbeitet derzeit an Gemälden von „Naesoong-Frauen“ in einem Waschsalon, einer Sauna und einem Jjimjilbang (einer koreanischen Bade- und Saunaanlage) – ein Zeitporträt anhand des Lebens von Frauen in der heutigen koreanischen Gesellschaft.
„Meine aktuelle Arbeit ist figurativ“, erklärte sie. „Mit einem feinen Pinsel versuche ich, selbst eine einzelne Haarsträhne so realistisch wie möglich darzustellen. Langfristig möchte ich mich auch der Installations- und Medienkunst zuwenden. Wenn sich das Konzept des ‚Naesoong‘ in einer greifbaren, taktilen Form ausdrücken lässt, fällt es dem Publikum leichter, die Idee zu erfassen, als wenn es nur ein Gemälde betrachtet.“
Mit Blick auf die internationale Kunstwelt sieht sie den Installationskünstler Suh Do-ho als Vorbild. „Für seine Installation ‚Home Within Home‘ schuf Suh ein traditionelles koreanisches Haus in Originalgröße aus traditionellem Stoff und interpretierte damit die charakteristische koreanische Ästhetik neu – ein Werk mit weltweiter Anziehungskraft“, sagte Kim.
„Ich möchte der Welt die einzigartige Ästhetik der koreanischen Tuschmalerei, des Hanbok und des Hanji-Papiers näherbringen und internationale Anerkennung erlangen“, fügte sie hinzu. „In diesem Sinne sollte ich mir auch einiges vom japanischen Künstler Takashi Murakami abschauen. Seine Kooperationen mit ausländischen Luxusmarken sind ein gutes Beispiel dafür, wie sich bildende Kunst in kommerzielle Produkte übersetzen lässt, die sich nahtlos in unseren Alltag einfügen. Mein Traum ist es, Kunst – ähnlich wie Musik – zu einem selbstverständlichen Teil des Alltags zu machen. Deshalb möchte ich von seiner Erfahrung im Zusammenspiel von Kunst und Kommerz lernen.“
Als junge Künstlerin mit bemerkenswertem Potenzial legt Kim eindeutig mehr Wert auf die Qualität ihrer Werke als auf die Anzahl ihrer Ausstellungen. Als populäre Künstlerin, deren Ausstellungen große Menschenmengen anziehen, erhält sie zahlreiche Ausstellungsangebote, sagt aber längst nicht auf alle zu.
Identität, Urteil, gesellschaftliche Überzeugungen
„Normalerweise beginne ich meinen Tag um neun Uhr morgens und male bis sieben Uhr abends durchgehend“, sagte sie. „Wenn ich mich auf ein Bild konzentriere, esse ich den ganzen Tag über nichts und male einfach nur. Danach, wenn ich fertig bin, esse ich dann mit großem Hunger. Das Bild der Frau, die heißhungrig vor dem offenen Kühlschrank sitzt, bin eigentlich ich selbst. Ich muss mit dem Bild eins werden, um es vollenden zu können. In den letzten Jahren habe ich über 300 Gemälde geschaffen, und jedes Mal versuche ich, meiner Arbeit mit einem neuen Blick zu begegnen. Niemand könnte es weniger ertragen als ich selbst, wenn ich selbstzufrieden würde und immer wieder dasselbe male.“
Kims Gemälde besitzen eine starke Präsenz, die häufig die Inneneinrichtung eines Raumes dominiert, weshalb man sie nicht einfach überall aufhängen kann. Das ist wohl einer der Gründe, warum sich ihre Bilder nicht besonders gut verkaufen. Sie hat jedoch nicht die Absicht, sie abzumildern und gefälliger zu gestalten.
„Bei meinen Bildern kann ich keine Kompromisse eingehen – sie sind meine Kinder. Die meisten sind Selbstporträts, wie könnte ich also verleugnen, wer ich bin? Es fühlt sich gut an, wenn Menschen meine Werke betrachten und über das Motiv und den Titel lachen. Dann habe ich das Gefühl, dass sie meine Absicht verstanden haben, mich über Konventionen hinwegzusetzen“, sagte sie.
Kim hegt große Ambitionen, dazu beizutragen, die internationale Präsenz der koreanischen Kunst zu erweitern, und träumt von dem Tag, an dem diese weltweite Anerkennung findet.
„Ich denke darüber nach, die Themen persönliche Identität, das Urteil anderer und gesellschaftliche Überzeugungen miteinander zu verbinden. Ich stehe als junge Künstlerin noch am Anfang, deshalb muss ich nichts überstürzen. Ich habe den Biss, die Ärmel meines Hanbok hochzukrempeln und entschlossen voranzugehen.“ KF
[Bildunterschrift 1] „Naesoong: Oops.“ 2012, Tusche mit leichter Kolorierung und Collage auf Maulbeerbaumpapier, 145 × 117 cm.
[Bildunterschrift 2] „Naesoong: Where is your rainbow?“ 2016, Tusche mit leichter Kolorierung und Collage auf Maulbeerbaumpapier, 178 × 127 cm.
KOREANA Herbst 2017 / KOREAN CULTURE & ARTS, S. 42-47